Emotionskontrolle im Kampfsport

Um in einem Kampf den eigenen optimalen emotionalen Status (IZOF) zu erreichen oder aufrechtzuhalten braucht es geeignete Strategien. Ruiz und Hanin konnten in einer Studie mit 63 Karatekas auf hohem Niveau zeigen, dass die eigen generierten Strategien manchmal ineffizient negative Gefühle wie Angst oder Ärger regulieren können. Dies ist prinzipiell dann der Fall wenn der Athlet nicht genug Ressourcen zur Bewältigung der Situation zur Verfügung hat oder er diese einfach nicht richtig nutzen kann (Ruiz und Hanin, 2004).

Das Training zur kognitiven Neu- und Umbewertung lässt den Kämpfer die stressauslösende Situation bewusst wahrnehmen und angepasst mit der geeigneten Bewältigungsstrategie Kontrolle ausüben (Steffgen umd Schwenkmezger, 1995). 

 Es werden dabei drei Phasen durchlaufen:

1.     Informationsphase: Stress und Ärger in ihrer Entstehung und dem Erleben bewusst machen bzw. zu erklären. Dabei sollen Videoselbstkonfrontationen oder auch Trainingstagebücher zu genau solchen stressauslösenden Situationen genutzt werden.

2.     Übungsphase: Bewältigungsstrategien erlernen und gezielt trainieren. Ausgewählte Selbstinstruktionen sollen während dem Visualisieren diverser Spannungssituation eingeübt werden.

3.     Anwendungsphase: es erfolgt nun der praktische Einsatz der gelernten Strategien unter Wettkampfsituationen. Hierfür hilfreich ist das Training z.Bsp. in Vorbereitungswettkämpfen oder Wettkampfspielen.

Diese drei Phasen können dann auf zwei unterschiedliche Bausteine angewendet werden:

a)    Das Kognitions-Relaxationstraining befasst sich mit der kognitiven Bewertung belastender Stresssituationen (Identifizieren, Visualisieren und Selbstinstruktionen) und dem Erlernen von Entspannungsmethoden (autogenes Training, progr, Muskelrelaxation usw.).

b)    Das Problemlösetraining fokussiert sich auf die Schilderung und Definition der Situation sowie dem Entwickeln, Auswählen und Überprüfen von Lösungen.

Heinemann und Teipel haben dieses Stresskontrolltraining mit neun weiblichen Nachwuchs-Judoka durchgeführt. In Ihrer Studie fokussierten sie ärgerauslösende Situationen und bestätigten die Annahme dass unkontrollierter Ärger in hohen Mass negative Auswirkungen auf die Leistung hat. Mittels Interviews analysierten sie zusätzlich den Einsatz des Ärgerkontrolltrainings bei den Kämpferinnen. Besondere Beachtung erhielt hierbei das Entspannungstraining ein Tag vor dem Wettkampf sowie das mentale Training (Konzentration, negative Gedanken in positive umlenken) vor dem Kampf oder dazwischen (Heinemann und Teipel, 2000).

Literatur:

Heinemann, D., Teipel, D. (2000). Ärgerkontrolltraining bei Judoka. In: Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Hrsg.): BISp-Jahrbuch 2000. Köln 2001, 295-299.

Ruiz, M.C. , Hanin, Y. L. (2004). Athletes‘ self perceptions of optimal states in Karate: An application of the IZOF model. Revista de Psicología del Deporte, 13 (2), 75-93.

Steffgen, G., Schwenkmezger, P. (1995). Ärgerbewältigungstraining. Psychologie und Sport 4, 2, 89-95.

Muk Yan Chong

Das Training an der Holzpuppe beschäftigt sich hauptsächlich damit, wie ungünstige Kampfpositionen korrigiert werden können. Zusätzlich werden Timing, Distanzgefühl und Gleichzeitigkeit von Abwehr und Angriff sowie die Schritttechnik verbessert.

 

Roger Stämpfli

Individuelle Verbesserungsstrategie

Zitat von Philipp Bayer

"Die Genialität des Ving Tsun zu erfassen dauert nicht länger als einen Nachmittag. Dann sollte alles geklärt sein. Als nächstes gilt es festzustellen, wie man möglichst effizient diese Ziele erreicht. Auch das hält das System vor. Leider ist VingTsun zu perfekt, so dass wir Zeit unseres Lebens nicht mehr als 70% davon erreichen werden, wenn wir uns sehr sehr anstrengen! Der Human Factor wie immer" 

 

 

Man sollte das Ving Tsun als Ganzes sehen, als eine individuelle Verbesserungsstrategie oder auch Fehlerkorrektur. Moderner als heutige Qualitätsmanagementsysteme wird damit das Individualverhalten im Kampf verbessert. Und es sollten sich alle Elemente deshalb auch zusammenentwickeln um von Anfang an zusammenzupassen. Wie ich schon mal an anderer Stelle beschrieb, ist es eben fatal, bestimmte Sachen zu spät zu erlernen, während sich die anderen Elemente ohne diese wichtige Zutat entwickeln müssen. Das Ergebnis ist ein völlig anderes und selten wieder zu korrigieren, nach dem Motto: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr.

Der einzige Knackpunkt ist und bleibt die Seele des Ving Tsun. Ohne korrektes Chi Sau, von Meister zu Schüler, das Übertragen der entsprechenden Kräfte in enormer Geschwindigkeit, die wiederum ein bestimmtes Verhalten des Schülers generieren sollen, bleibt das Wing Chun ein Buch mit sieben Siegeln. Wie man ja öffentlich immer wieder lesen, sehen und erfahren kann.

Ving Tsun ist nicht so zerlegbar, dass man sagen könnte - jetzt kommt das oder das,- oder wenn du den Satz hast, beginnen wir mit Sparring. Die Formen dienen zum einen, Fehler die unter Stress entstehen, kontinuierlich zu beseitigen, den Ellenbogen "wieder" in die korrekte Position zu bringen, Körperhaltung zu schulen, sowie ein bestimmtes "Verhalten" zu erzeugen, das für einen Kampf nötig ist. Es ist also wichtig "Alles" in seiner Gesamtheit zu erlernen. Wie ich schon an andere Stelle beschrieb, ist es inutil - etwas, wie etwa die Holzpuppe, erst nach 15 Jahren zu erlernen, da die Entwicklung bereits weitgehend abgeschlossen ist. Ein bestimmtes Verhalten hat sich bereits eingestellt,- man beginnt auch dann erst bei NULL und hat große Schwierigkeiten etwas Neues zu integrieren. Umzulernen, auch nur kleine Änderungen, bringt immer große Probleme mit sich.

Alles zusammen, wie gesagt, ergibt ein "Gefühl fürs Kämpfen", Timing stimmt, Distanzgefühl, Schlagkraft, Situationsentscheidung, Durchsetzungsvermögen,- schlicht die Kampfbereitschaft ist hergestellt.

Na - und dann überprüft man das System im Sparring und erkennt die Schwierigkeiten. Zbsp. häufigste Fehler: Ellenbogen wandern nach aussen, Wu Sau steht immer noch nicht gut, die Beinstellung ist mies, die Hüfte steht verkehrt und dadurch ist die Beweglichkeit, Balance und Schlagkraft eingeschränkt. Das alles korrigiert man durch die Formen und Chi Sau. Sind die Fehler nahezu beseitigt, erhöht man den Stress und siehe da, neue Fehler werden sichtbar und können beseitig werden.

Diese Fehler sind sehr individuell - es gibt eben Leute, die unter Stress eher einbrechen, sich verzweifelt wegdrehen und sich dadurch noch schlechter schützen können. Andere wiederum neigen dazu nach einem gescheiterten Gegenangriff dem Gegner das Feld zu überlassen, haben kein Durchsetzungsvermögen. Wieder andere verkomplizieren eine Situation unter bestimmten Bedingungen oder beginnen ihre Angriffe aus falscher Distanz und verschwenden unnötig wertvolle Energie.

Also man sieht Ving Tsun ist was individuelles, in jedem Bereich - im Unterricht, Training und im Kampf. Jeder bringt sein Potenzial mit, das eine entsprechende Behandlung erfordert. Graduierungen spielen keine Rolle, jeder weiss um die Fehler des anderen und wird sogar darauf "angesetzt", diese zu nutzen. Jeder der Fehler hat, möchte sogar, dass sich die anderen "darum kümmern"... Miteinander eben, die Durchmischung sorgt für Qualität!

Wong Shun Leung hatte mehrere sehr gute Methoden um jemanden nach vorn zu bringen... vielleicht ein anderes Mal mehr darüber.

 

Philipp Bayer

Es kämpft mich!

Flow ein Zustand des sich völlig vergessen und dennoch alles unter Kontrolle hat. Der Begriff Flow findet vor allem im Ausdauersport grosses Gehör, doch wie sieht es in koordinativ komplexen Sportarten wie dem Kampfsport aus? Experiment: zwei junge athletische Sportstudenten der ETH Zürich ohne Vorkenntnisse versuchen sich im Kampfstil Ving Tsun Kung Fu. Unter der Leitung des Bewegungswissenschaftler und ASVZ Trainingsleiter Roger Stämpfli gilt es einem Ziel zu folgen - Flow erleben!

 Dazu ein Zitat des legendären Kampfkünstler Bruce Lee:

 "Nun beschäftige ich mich schon lange mit Ving Tsun Kung Fu, dem natürlichen System. Jetzt werde ich nicht mehr abgelenkt von meinem Gegner, von mir selbst oder von Kata-Bewegungen... Ich muss nicht länger herum experimentieren, alles geht von selbst.

Ving Tsun Kung Fu programmiert den Menschen zum Kämpfer. Sukzessive wird das erworbene Bewegungsverhalten natürlich und instinktiv abrufbar. Die Bewegungsmuster sind relativ simpel zu erlernen und in der Anwendung ökonomisch und effizient. Die Ökonomie und Effizienz wird durch zyklische Bewegungskombination in Angriff und Verteidigung herbeigeführt. Diese sich wiederholenden einfachen Muster, ermöglichen beim fortgeschrittenen Schüler eine Art Flow Gefühl welches Süchtig macht. Wäre ein solches Erlebnis auch schon bei Anfängern möglich? Drei Lektionen à 45 Minuten sollen diese Frage klären:

1.      Erwerben einzelner Angriffsmuster

2.      Anwenden und variieren der Angriffsmuster in zyklischen Bewegungskombinationen

3.      Freies Anwenden des Gelernten in lockerem Sparring

 

Erfahrungsbericht

 

Alessandro Gallo (Bsc. Health Sciences and Technology ETHZ, Fussballer, Alter 24 Jahre)

„Ich habe mich sehr auf das Experiment mit Stephan und Roger gefreut, da ich bis jetzt noch keinerlei Erfahrungen im Bereich des Kampfsportes sammeln konnte. Daher war ich zu Beginn eher skeptisch, dass ich Flow erleben werde. Doch meine Zweifel waren bereits nach der ersten Lektion verschwunden. Die einfachen Bewegungsmuster gaben einem das Gefühl von Kontrolle über sich selbst. Man musste gar nicht gross überlegen, die Bewegungen kamen wie von selbst. Ich war hellbegeistert und war mir sicher, dass ich in den Flow kommen werde. Die Euphorie der ersten Stunden legte sich jedoch rasch in der zweiten Lektion. Die Anwendung und Variation der Angriffsmuster bereiteten mir grosse Mühe. Zu sehr musste ich nachdenken, was ich in welcher Situation nun genau tun muss. Ich haderte mit mir selbst und war unzufrieden. Von Flow konnte man nicht ansatzweise sprechen. Das letzte Training verlief wieder besser. Ich konzentrierte mich auf die einfachen Dinge und versuchte intuitiv zu handeln. Die Angriffskombinationen sprudelten förmlich aus mir raus und es machte mir sichtlich Spass. Ob ich wirklich im Flow Zustand war, sei dahin gestellt, doch ich bin mir sicher, dass ich mit etwas mehr Trainingsstunden definitiv Flow erlebt hätte“

 

Stephan Häfliger (Bsc. Health Sciences and Technology ETHZ, Fussballer, Alter 24 Jahre)

„Ich hatte einige Zweifel, wie erfolgreich unser Projekt wird, da ich mir die Kampfsportart sehr komplex vorstellte. Doch schon in der ersten Übungsstunde konnte ich die Zweifel beseitigen, da wir durch das Training mit Roger einen realistisch vereinfachten Ansatz bekamen. Ich konnte mich langsam ran tasten und am Ende liefen die Schlagfolgen schon erstaunlich gut. Im zweiten Training kam dann eher die Ernüchterung. Das Einbinden und Zusammenfügen der Schlagfolgen, sowie das Weiterschlagen, waren zu anspruchsvoll und zu kopflastig für mich. Daher verlief die Stunde eher schleppend und von Flow konnte keine Rede sein. Beim dritten Training lief es wieder besser. Mit den zweier Schlagfolgen kam ich besser zurecht und ich merkte, wie sich die Abläufe ein bisschen automatisierten. Am Schluss des Trainings flogen die Fäuste schon fastvon selbst auf Alessandro zu, ohne dass ich gross aktiv handeln musste. Es hat Spass gemacht und ich denke, am Schluss war ich in einer Vorstufe des Flows. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wenn man sich besser in der Sportart auskennt und genug Automatismen hat, dass man in den Flow kommt. Wenn man sich auf den Gegner konzentriert, reagiert man nur noch und vergisst den Rest.“

 

Roger Stämpfli, Alexandro Gallo, Stephan Häfliger